1. Navigation
  2. Inhalt
  3. Herausgeber
Inhalt

Häusliche Gewalt

Inhalte, Bedeutung und rechtliche Grundlagen

Häusliche Gewalt gehört zu den zentralen Gesundheitsrisiken für Frauen und verletzt massiv ihre Menschenrechte. Geschlechtsspezifische Rollenleitbilder gelten immer noch als zentrale Faktoren für männliche Gewalt gegen Frauen, daher ist dieser Form von geschlechtsspezifischer Diskriminierung gezielt entgegenzuwirken. Insbesondere für Kinder als Zeugen oder direkt Betroffene bleibt Gewalt in der Familie nicht ohne Folgen für die seelische und körperliche Gesundheit und ihre Entwicklung. Häusliche Gewalt wird heute nicht mehr als Privatsache abgetan, sondern zunehmend von Politik, Justiz, Polizei, Verwaltung und Gesundheitswesen als ernste Herausforderung verstanden und entsprechend bekämpft.

Nach einer bundesweiten Untersuchung zu Gewalt gegen Frauen in Deutschland hat mindestens jede vierte Frau im Alter von 16 bis 85 Jahren, die in einer Partnerschaft lebt oder gelebt hat, körperliche oder sexuelle Übergriffe durch einen Beziehungspartner erlebt. Damit einher gehen oft Formen seelischer und sozialer Gewalt.

In den letzten zehn Jahren fand im Freistaat Sachsen bei der Bekämpfung häuslicher Gewalt ein Paradigmenwechsel statt: Aus punktueller Unterstützung und Beratung der Opfer entwickelte sich eine umfassende Kette staatlicher und nichtstaatlicher Interventionsmaßnahmen. In Zusammenarbeit mit Polizei, Justiz und anderen Institutionen schützen, beraten und unterstützen Frauen- und Kinderschutzeinrichtungen sowie die Interventions- und Koordinierungsstellen Opfer von häuslicher Gewalt. Fester Bestandteil des Kooperations- und Beratungsnetzes sind auch die Täterberatungsstellen, die einen wichtigen Beitrag zum aktiven Opferschutz leisten.

Der Lenkungsausschuss zur Bekämpfung häuslicher Gewalt stellt auf Landesebene das zentrale Kooperationsgremium dar. Neben Vertreterinnen und Vertretern von vier Ministerien gehören ihm Delegierte Freier Träger und von Nichtregierungsorganisationen an, die sich in Sachsen gegen häusliche Gewalt engagieren. Die Sächsische Staatsregierung hatte 2006 einen landesweiten Aktionsplan zur Bekämpfung häuslicher Gewalt beschlossen, der 2013 unter der Federführung des Lenkungsausschusses fortgeschrieben wurde. Die im Landesaktionsplan vorgesehenen Maßnahmen umfassen ressort- und zielgruppenbezogene Handlungsfelder der Prävention, der effektiven Intervention bei Gewalt und Bedrohung in der Akutsituation wie auch eines umfassenden Opferschutzes. Ein Vertreter des Referats Gleichstellung hat seit 2013 den Vorsitz im Lenkungsausschuss zur Bekämpfung häuslicher Gewalt inne. Zudem widmet sich Referat Gleichstellung der Bekämpfung geschlechtsbezogener Gewalt mit einem eigenen Förderbereich. Mit der »Richtlinie zur Förderung der Chancengleichheit« vom 22. Mai 2007 besteht eine Fördergrundlage für ein aufeinander abgestimmtes Netz aus verschiedenen Einrichtungen zur Bekämpfung häuslicher Gewalt. Fördergegenstände sind verschiedene Hilfs- und Unterstützungseinrichtungen, die Opfern, aber auch Tätern/Täterinnen aufeinander abgestimmte Hilfen bieten. Dieses betrifft derzeit 15 Frauen- und Kinderschutzeinrichtungen, sieben Interventions- und Koordinierungsstellen und drei Täterberatungsstellen.

Frauen- und Kinderschutzeinrichtungen

Frauen- und Kinderschutzeinrichtungen dienen Frauen mit ihren Kindern in akuten Notsituationen als Sofortmaßnahme beim Schutz vor häuslicher Gewalt. Rund um die Uhr erhalten sie hier eine vorübergehende, meist anonym schützende und sichernde Unterkunft sowie beratende Hilfe und Unterstützung, um ihre gewaltbesetzte Lebenssituation zu überwinden und zu bewältigen. Im Jahr 2013 fanden in 16 geförderten sächsischen Frauen- und Kinderschutzeinrichtungen insgesamt 579 Frauen und 635 Kinder Schutz und Hilfe.

Interventions- und Koordinierungsstellen

Interventions- und Koordinierungsstellen fördert das Sächsische Staatsministerium für Soziales und Verbraucherschutz seit 2003. Die sieben Einrichtungen beraten und betreuen weibliche wie männliche Opfer häuslicher Gewalt und von Stalking. Ihre Hauptaufgaben bestehen in:

  • proaktiver Beratung der Opfer im Zusammenwirken mit einzelfallbezogener Krisenintervention der Polizei, Beratungs- und Betreuungsarbeit unter Anwendung der Möglichkeiten
    • des Gewaltschutzgesetzes,
    • des Sächsischen Polizeigesetzes § 21 Absatz 3 und
    • in Fällen von Stalking – der geänderten § 238 StGB und § 112a StPO.
  • Kooperations- und Vernetzungsarbeit mit den Polizeidienststellen und -direktionen sowie weiteren Einrichtungen und Institutionen, zum Beispiel Amts- und Familiengerichten, Sozial- und Jugendämtern, dem Gesundheitsbereich und der Rechtsmedizin,
  • Öffentlichkeitsarbeit, Durchführung von Schulungen und Multiplikatorentätigkeiten im Rahmen ihres Netzwerkes.

Der ambulante Beratungsbedarf steigt stetig. Wurden im Jahr 2006 noch 711 Personen beraten und unterstützt, lag die Zahl 2013 bei 2.080 beratenen Personen. Davon waren 1.072 Frauen.

Beratungsstellen zur täterorientierten Anti-Gewalt-Arbeit

Beratungsstellen zur täterorientierten Anti-Gewalt-Arbeit (Täterberatungsstellen) arbeiten an den Ursachen der Gewaltsituation. Sie ergänzen das Hilfenetz für von häuslicher Gewalt betroffene weibliche und männliche Opfer. Ziel dieser Beratungsstellen ist es, Veränderungen bei gewalttätigen Männern und Frauen herbeizuführen, in deren Folge diese in der Lage sind, Verantwortung für das eigene Gewalthandeln zu übernehmen, sich in das Opfer einzufühlen und Konflikte partnerschaftlich und gewaltfrei zu lösen.
In Ergänzung zu Frauen- und Kinderschutzeinrichtungen sowie Interventions- und Koordinierungsstellen fördert das Sächsische Sozial- und Verbraucherschutzministerium drei Projekte zur täterorientierten Anti-Gewalt-Arbeit in Markkleeberg, Chemnitz und Dresden.

Gesundheitswesen im Kontext mit häuslicher Gewalt

Das Gesundheitswesen hat im Kontakt mit Opfern häuslicher Gewalt eine Schlüsselrolle inne. Ärztinnen und Ärzte sind Untersuchungsergebnissen zufolge häufig die ersten Ansprechpersonen. Von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Gesundheitswesen wird erwartet, dass sie Gewalt als Ursache von gesundheitlichen Störungen erkennen, im Folgenden die Betroffenen angemessen behandeln, Verletzungen beweissicher dokumentieren und auf weitere Hilfsangebote verweisen. Um die Diagnose- und Hilfskompetenz im Hinblick auf häusliche Gewalt zu stärken, hat die damalige Leitstelle für Gleichstellung mit Autoren der Sächsischen Landesärztekammer 2007 einen Leitfaden für Ärztinnen und Ärzte zum Umgang mit Patientinnen und Patienten, die von häuslicher Gewalt betroffen sind, herausgegeben.

Öffentlichkeitsarbeit

Die Öffentlichkeitsarbeit hat im Rahmen der präventiven Maßnahmen einen besonderen Stellenwert. Sie dient der Aufklärung der Bevölkerung und informiert über Unterstützungsmöglichkeiten für Betroffene. Darüber hinaus wenden sich die Publikationen und Veranstaltungen an die Fachöffentlichkeit und Kooperationspartner:

  • Informationen über Hilfsangebote und rechtliche Möglichkeiten finden Betroffene häuslicher Gewalt und Interessierte zum Beispiel in den Faltblättern »Häusliche Gewalt ist keine Privatsache«. Diese liegen in den Polizeidienststellen aus und finden bei Einsätzen in Fällen häuslicher Gewalt Verwendung. Des Weiteren halten einzelne Einrichtungen und kommunale Gleichstellungsbeauftragte diese Flyer vor.

Marginalspalte

© Sächsisches Staatsministerium für Soziales und Verbraucherschutz